Strompreisentwicklung – wohin geht die Reise?

Erneuerbare Energien wachsen vor Allem, weil zwei Thesen für wahr gehalten werden:

  1. der Strom aus Erneuerbaren Energien ist umweltfreundlich(er)
  2. mit Erneuerbaren Energien lässt sich Geld verdienen

Als ich angefangen habe, mich für Erneuerbare Energien zu interessieren, hatte ich keine Ahnung von Geld oder Betriebswirtschaft. Mir ging es ausschließlich um den ersten Punkt. Offensichtlich – ich verdiene mein Geld heute mit dem Thema – hat sich der Fokus verschoben oder zumindest erweitert. Gesamtgesellschaftlich würde ich sogar sagen, dass der zweite Punkt wichtiger für das Wachstum der Erneuerbaren ist.

In dem Artikel über die Basics der Photovoltaik bin ich auch darauf eingegangen, wieso Photovoltaik-Anlagen wirtschaftlich sind. Der wichtigste Punkt: Strom kostet in Deutschland (Europa) im Einkauf mehr, als die Erzeugung mit einer Photovoltaik-Anlage kostet. Das ist richtig und wird sich vermutlich auch nicht mehr ändern, aber der Strompreis hat schon einen großen Einfluss darauf, wie wirtschaftlich eine Anlage arbeiten kann. Noch wichtiger wird der Strompreis, wenn es um Technologien geht, die preislich nicht mit der Photovoltaik mithalten können, z.B. Kleinwindanlagen oder Batteriespeichersysteme. Die sind oft noch so teuer, dass die Erzeugung/ Speicherung einer Kilowattstunde Strom, nach Verlusten, nur unwesentlich weniger kostet, als den Strom direkt vom Versorger einzukaufen. Es bleibt zwar noch das gute Gewissen, Punkt 1, aber das ist oft nicht genug Wert, um die Investition zu rechtfertigen.

Jeder, den die Wirtschaftlichkeit seiner Erneuerbare-Energien-Anlagen bzw. Speicher Interessiert, tut also gut daran, sich die Strompreisentwicklung genauer anzuschauen.

Strompreissteigerungen der Vergangenheit

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht eine ganze Reihe verschiedene Datensätze zum Thema Strompreisentwicklung. Ich habe mir für diesen Beitrag die Strompreisentwicklung für Haushalte angesehen, für gewerbliche Kunden stellt sich das noch ein wenig anders dar.

Berichts-
zeitraum
Deutsch-
land
Öster-
reich
Strompreissteigerung
Deutschland
1. HJ 200821,4817,79
2. HJ 200821,9517,722,2%
1. HJ 200922,8219,094,2%
2. HJ 200922,9419,093,4%
1. HJ 201023,7519,674,2%
2. HJ 201024,3819,304,5%
1. HJ 201125,2819,865,1%
2. HJ 201125,3119,654,5%
1. HJ 201225,9519,754,6%
2. HJ 201226,7620,244,9%
1. HJ 201329,1920,826,5%
2. HJ 201329,2120,186,0%
1. HJ 201429,8120,216,0%
2. HJ 201429,7419,875,5%
1. HJ 201529,5120,095,0%
2. HJ 201529,4619,834,6%
1. HJ 201629,6920,344,5%
2. HJ 201629,7720,104,3%
1. HJ 201730,4819,504,4%
2. HJ 201730,4819,784,2%
1. HJ 201829,8719,663,7%
2. HJ 201830,0020,123,6%
Strompreisentwicklung für Privathaushalte in Deutschland und Österreich seit 2008. Datenquelle: Eurostat, Energiestatistik – Preise (Neue Methode ab 2007)

Die letzte Spalte zeigt die jährliche Strompreissteigerung in Deutschland seit dem ersten Halbjahr 2008. Man sieht, dass es sehr davon abhängt, wann man die Zahlen anschaut. So hat es bis zum 1. Halbjahr 2013 eine jährliche Preissteigerung von 6,5 % gegeben, bis Ende 2018 waren es nur noch 3,6 %. Noch deutlicher wird es, wenn man sich die Entwicklung grafisch anschaut. Hier sieht man, dass sich der Preis seit 2013 fast gar nicht mehr bewegt:

Strompreisentwicklung für Privathaushalte in Deutschland und Österreich. Datenquelle: Eurostat, Energiestatistik – Preise (Neue Methode ab 2007)

Vor dem nächsten Schritt, einer Überlegung, was sich an dem Preis in Zukunft ändern wird, muss man berücksichtigen, dass der Strompreis aus einer ganzen Reihe verschiedener Bestandteile besteht, die teilweise unabhängig voneinander geändert werden (können). Wie bei den meisten „Dingen“, die man in Deutschland (Europa) kaufen kann, ist eine Umsatzsteuer enthalten. Aktuell sind das in Deutschland 19 %, das gilt für den gesamten betrachteten Zeitraum. Nicht auszuschließen, dass sich das nochmal ändert. Daneben gibt es die Stromsteuer, EEG-Umlage, Konzessionsabgabe (im Prinzip eine Art Gemeindesteuer), weitere Umlagen, Netznutzungsentgelte und zu guter Letzt Stromerzeugung und Vertrieb. Hier hat der Stromversorger (hoffentlich) seinen Gewinn nach Abzug aller Kosten, hier spielen auch die Stromgestehungskosten mit rein.

Prognose für die Zukunft

Wagen wir einen Blick in die Kristallkugel. Der Strompreis im Jahr 2035 für einen Privathaushalt beträgt… So leicht geht es leider nicht. Schauen wir uns einige Strompreisbestandteile an.

  1. Umsatzsteuer: Steuern werden i.d.R. nicht gesenkt. Tendenz: wird irgendwann weiter steigen.
  2. Netznutzungentgelte: Es sind massive Investitionen ins Stromnetz geplant, insbesondere die berühmt-berüchtigten „Stromautobahnen“ Suedlink und Südostlink, die Kosten in Milliardenhöhe verursachen werden. Zwar setzt die Bundesnetzagentur (nicht die Betreiber) die Netzentgelte fest, aber auch hier ist mit steigenden Kosten zu rechnen.
  3. EEG-Umlage: Diese Umlage ist die Differenz zwischen der gezahlten Einspeisevergütung für EEG-Anlagen und dem Börsenpreis. Die Einspeisevergütungen sinken und meine Prognose ist, dass der Börsenpreis steigen wird, wenn Kernkraftwerke und Kohlekraftwerke vom Netz gehen. Dadurch sollte die EEG-Umlage mittelfristig sinken.
  4. Stromerzeugung und Vertrieb: Stromgestehungskosten für Erneuerbare-Energien-Anlagen sinken aktuell immer weiter und haben teilweise auch in Deutschland Netzparität erreicht. Gleichzeitig werden teilweise Speicherkapazitäten vorgehalten werden müssen, um die Grundlast abdecken zu können, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint. Aus meiner Sicht: Leicht sinkende Preise.

Der Strompreis bestimmt sich am Markt, genauer an der Strombörse. Wenn man davon ausgeht, dass Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, dann ist es interessant, als Indiz mal den Austauschsaldo anzuschauen, also, wie fließt der Strom in Summe, nach Deutschland rein oder aus Deutschland raus (ein negatives Vorzeichen heißt, dass in Summe mehr Strom aus Deutschland ins benachbarte Ausland fließt als umgekehrt). Das schwankt unter-jährig erheblich. Trotzdem scheint aktuell ein Überangebot vorhanden zu sein, was wiederum auf zukünftig sinkende Strompreise schließen lassen könnte:

Strom-Austauschsaldo Deutschlands mit dem benachbarten Ausland. Ein negatives Vorzeichen heißt, dass mehr Strom exportiert als importiert wird. Daten: (C)opyright Statistisches Bundesamt (Destatis), 2019 | Stand: 07.08.2019 / 23:46:08

Am Beispiel des englischen Atomkraftwerks Hinkley Point C lässt sich aber auch gut erkennen, dass Politik und Energiewirtschaft nicht an einer schnellen Wende zu 100% Erneuerbaren Energien interessiert sind. Die britische Regierung hat hier langfristige Einspeisevergütungen zugesagt, die über den Vergütungen für Windenergie liegen. In diesem Fall dürfte das nur den englischen Strompreis beeinträchtigen, aber ähnlich Fälle gibt es auch an anderer Stelle.

Insgesamt lässt sich auch nach diesen Punkten kein klares Bild zeichnen. Es gibt gute Argumente für sinkenden Strompreise, insbesondere, da Erneuerbare Energien günstiger sind, als Kohle- oder Atomstrom. Aber besonders einige politische Gründe sprechen für weiter steigende Strompreise. Ich persönlich rechne mit leicht steigenden Preisen in den nächsten zehn Jahren und danach mit deutlich günstigeren Strompreisen.

Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit von Stromspeichern und Photovoltaik-Anlagen

Die oben gezeigte Entwicklung der letzten fünf Jahre und meine persönliche Prognose für die Zukunft hat auch Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit von Stromspeichern und Photovoltaik-Anlagen (und allen weiteren Erzeugungsanlagen). Wenn ich eine neue Erzeugungsanlage oder einen Stromspeicher plane, dann rechne ich aus den Investitions- und Betriebskosten und der erwarteten Erzeugung die Stromgestehungskosten aus. Gut möglich, dass diese für eine schlechte (komplizierte) Photovoltaik-Anlage oder einen Stromspeicher über den aktuellen Strompreisen liegen. Für mich ist aber wichtig, wie sich dieses Verhältnis über die geplante Laufzeit entwickelt. Wenn ich mit 20 Jahren rechne und einer Strompreissteigerung von 4% pro Jahr, dann entspricht das am Ende einem Strompreis deutlich jenseits der 60 Cent/kWh. Kostet mich die Speicherung einer kWh Strom in der Batterie (inkl. Entnahme) z.B. 35 Cent, sollte es kein Problem sein, den Speicher wirtschaftlich zu betreiben. Bleibt der Strompreis gleich oder sinkt gar, oder ist die erwartete Lebenszeit zu hoch, dann sieht die Rechnung schnell ganz anders aus.

Aus diesem Grund empfehle ich, als Basis-Szenario immer mit gleich bleibendem Strompreis zu rechnen. Alles andere würde ich als zu optimistisch einstufen. Wie seht Ihr das? Wie wird der Strompreis im Jahr 2035 aussehen?

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